Die Work-Life-Balance

Geht es Ihnen auch so, dass Sie den Begriff "Work-Life-Balance" nicht mehr hören und lesen wollen?Abgesehen vom inflationären Gebrauch ist es geradezu pervers, zwischen zwei Dingen eine Balance erzeugen zu wollen, die gar nicht auf derselben Ebene sind. Work-Life-Balance ist eine der großen Lügen unseres heutigen Lebens. Und das macht sie so gefährlich.

Die Arbeit ist das Gegenteil von Leben

Menschen fangen durch diese permanente Programmierung auf den Begriff "Work-Life-Balance" unbewusst an, zu glauben, dass auf der einen Seite der Wippe das Leben sitzt und auf der anderen Seite die Arbeit.

Ja geht's noch? Da sitzt vielleicht der Tod, das große Nichts, das Leben danach oder was auch immer man will. Aber sicher eines nicht: die Arbeit.

"Work-Life-Balance"  ist wohl immer dann keine Lüge, wenn "Arbeit" bedeutet, dass unser einzigartiges Potential stirbt.

Sicher: viele Menschen gehen nur arbeiten, um Geld zu verdienen. Wenn sie behaupten, sie opfern sich für ihre Familie auf, dann ist das ihre ganz eigene Wahrheit. Weil es ihnen so gefällt. Weil sie es so wollen. Dabei will die Familie oft etwas ganz anderes als das Haus, das Auto und den Urlaub. Die Wahrheit ist: niemand muss bei uns eine Arbeit machen, die ihm nicht gefällt, die ihn sterben lässt. Diese Menschen sind Sklaven ihres Denkens und vielleicht auch der Programmierung darauf, dass Arbeit eben das Gegenteil von Leben ist. Krankhaft bemüht, die Balance zu halten, wird das Gegenstück zur Arbeit echter Freizeitstress mit knallhartem Sportprogramm. Das ist also das Leben. Aha.

 

Arbeit ist Lebendigkeit

Arbeit ist sinnstiftend, erfüllend, eine Form des Selbstausdrucks, eine Manifestation der eigenen Identität.

Oh nein, nicht im Idealfall. Sondern in jedem Fall! Denn wir wählen unsere Arbeit selbst. Unser Wille geschieht.

Wenn ich  denke, dass ich mich aufopfern muss für meine Familie, weil Mutter und Vater das nach dem Krieg für mich auch getan haben, dann ist das mein Bild von mir, das in der Arbeit zum Ausdruck kommt.

Jemand, der keine Arbeit hat, ist oft noch unglücklicher als jemand, der gerade nicht seinen Traum lebt. Diese Menschen würden so gern eine Tätigkeit schätzen können, um sich und ihre Qualität darin auszuleben. Viele denken, dass sie nicht gebraucht werden, weil sie keine Arbeit haben.

Keine Arbeit bedeutet für manche Menschen also: kein Leben. Diese Haltung gefällt mir persönlich schon viel besser. Manche Menschen gehen auch gern zur Arbeit, weil sie die Menschen so schätzen, die in ihrer Firma arbeiten. Gemeinschaft in der Firma zu pflegen ist doch wunderbar. Oder nicht?

Meine Empfehlung: sprechen sie mal mit Menschen, die im falschen Beruf gelandet sind. Und fragen sie diese Menschen nach der "Work-Life-Balance." Hören sie dann genau zu, wie sie über ihre Arbeit reden und was sie sich einreden. Für manche ist Arbeit eine Flucht oder eine faule Ausrede. Zum Beispiel, weil sie Angst haben, ihren Status einzubüßen. Da kenne ich eine unglückliche Top-Managerin, die sich weigert, ihren Traum als Blumenhändlerin zu leben, denn dann wäre ja ihr BWL-Studium ganz umsonst gewesen. Hallo? Aufwachen!

 

Ein Leben für die Arbeit

Nun, das Leben hat viele schöne Seiten. Arbeit gehört dazu. Wenn man will.

Immer nur Arbeit ist wohl tödlich.  Also ich sage mal, dass das stimmt. Wenn man nur arbeitet, wird man womöglich daran sterben. Dann ist Arbeit vielleicht das Gegenteil von Leben. Oder war sie dann das Leben selbst?

Ich habe selbst erlebt: Wenn man nicht genügend Pausen macht, wenn keine Muße da ist, dann wird es ungesund. Ausreichend schlafen, gesund Essen und Kontakt mit der Natur pflegen, das ist aus meiner Erfahrung essentiell wichtig. Ich musste lernen, den Adrenalinkick, der im Stress steckt, zu vermeiden. Denn Stress macht tatsächlich krank.

Ob wir etwas als Stress empfinden, ist übrigens sehr individuell. Genauso, wie die Zeit, die wir für Pausen und Muße brauchen. Das kann jeder für sich herausfinden, wenn er ein Interesse am eigenen Leben hat.

Ich kenne einen kraftstrotzenden 77-Jährigen, den seine Arbeit so erfüllt, dass sie ihn jung und frisch hält, obwohl es sein ganzes Berufsleben selten weniger als 70 Stunden die Woche gearbeitet hat. Nach einem Gespräch mit diesem Unternehmer fühle ich mich immer gut, weil dieser Mensch so heiter und freudvoll ist. Nur, wenn ich mit ihm zu Fuß unterwegs bin, wird es anstrengend. Nicht weil der Mann so schnell ist, sondern weil er eine unfassbare Kondition hat. Geht viel spazieren. Geht schon.

 

In Harmonie mit sich selbst

Vielleicht einigen wir uns darauf, dass wir eine "Life-Balance" anstreben. Unsere eigene.

Keine, die aus irgendwelchen Erhebungen oder Vorschriften kommt. Dafür müssen wir aber den Mut haben, uns zuzugestehen, dass wir einzigartig sind. Und uns so wichtig nehmen, dass es sich zu entdecken lohnt, wie wir wirklich sind.

Große Harmonie. So ist die Natur, so sind wir auch.

Das kann unser Leben sein. Ein Leben, in dem all die Dinge sich die Waage halten, die uns gut tun und die wir tun wollen. Ja, alles darf soviel Raum einnehmen wie wir es wollen. Das tut es nämlich auch jetzt schon. "Keine Zeit" ist die nächste große Lüge unseres Lebens. Aber davon ein anderes Mal.