Bye bye beloved Britain

Das ist ein ganz persönlicher Artikel nach dem Brexit. Es ist ausnahmsweise mal keine Hilfestellung zur Persönlichkeits- oder Unternehmensentwicklung, es geht stattdessen um Sehnsucht, persönliche Erfahrungen, Freundschaft, Europa und um Identität.

Ich bin sehr betrübt, dass sich mein geliebtes Großbritannien tatsächlich aus der europäischen Staatengemeinschaft zurück zieht – die für mich vor allem eine Gemeinschaft der Menschen ist, die eine gemeinsame Zukunft gestalten wollen.

Es hat mich als jungen Menschen immer fasziniert, wenn ich dort war und diese Romantik des Empires und die eigenartige Kultur erlebt habe. Es gab eine eigene Identität, etwas, das ich von zu Hause so nicht kannte. Und jetzt gibt es ja eine europäische Identität, eine die vor allem auch auf sozialen Werten, Umweltschutz und Wohlstand aufgebaut ist. Frankreich und Deutschland spielen eine führende Rolle. Ich glaube übrigens auch, weil England es nicht tut oder tun wollte.

Dazu kommt dann noch die typische Insel-Identitäts-Problematik: Als Inselvolk sind wir ganz eigen und der Kontinent bleibt wohl für immer suspekt. Mancher auf den Inseln mag heute noch denken: Gut, dass Wasser dazwischen ist.

"Für Großbritannien ist der Ärmelkanal immer noch breiter als der Atlantik."

Jaques Baumel (1918-2006)

Jetzt werden wir endlich Freunde. Oder?

Als ich 1985 zum ersten Mal für einige Wochen in einer Gastfamilie war gab es vier bemerkenswerte und für mich schockierende Erlebnisse:

Es gab ein Gesellschaftsspiel mit einem Hakenkreuz drauf „Castle Wolfenstein“, das später dann als einer der ersten Ego-Shooter Furore machte. Sowas war ein normales Gesellschaftsspiel: Du bist britischer Agent und musst Dich aus einem Schloss befreien, das von der SS kontrolliert wird, ohne dass Du in ihre Hände fällst. Furchtbar. Zum Gruseln. Ich war überrascht und angeekelt. Der Sohn meiner Gastfamilie war außerdem in einem Radfahrclub. Die Radler seiner Mannschaft trugen die Sporthemden der Bundeswehr mit dem Adler drauf und nannten sich „Hitler-Jugend“. Ich wollte schreien: WHAT???

Im Folgejahr wurde es nicht besser. Zuerst sah ich eine "Sun", das Boulevardblatt mit Bildern von Hitler und Goebbels auf der Titelseite. Ich war überrascht, welches Bild von Deutschland hier transportiert wurde. Später dann in einem Buchladen in Oxford bemerkte ein junger Mann, dass ich Deutsch sprach. Daraufhin baute er sich vor mir auf und sagte: Er sei Student aus Persien und grüßte mit erhobenem Arm „Heil Hitler“. Mein Begleiter musste mich damals davon abhalten, tatsächlich sehr böse zu werden.

Und dann noch Onkel Harold, der Bruder meiner Gastmutter. Er setzte allem die Krone auf. Er kam nicht zu Besuch zu seiner Schwester, solange sie Deutsche im Haus hatte. Er war Hubschrauberpilot im Falklandkrieg gewesen und alle Deutschen waren für ihn Nazis und Feinde Englands. Wir waren Kinder, 16 Jahre alt. Und er war ein Offizier der britischen Armee, aus einer guten Familie – unfassbar. Man sollte meinen, die Bildung hätte mehr vollbracht. Es war 1986.

Ich damals als junger Mensch so entsetzt, dass das alles noch so lebendig sein konnte. Nicht mal meine Eltern waren zu Kriegsende annähernd erwachsen gewesen. Und plötzlich fühle ich mich mitten drin in Schuldthematiken, Scham und in einer großen Identitätskrise als deutscher Junge. Plötzlich wusste ich, wer wir waren, die bösen Deutschen.

Viele Jahre später dann, in der Airforce-Bar in Cambridge, konnte ich die Abschüsse deutscher Flugzeuge zählen, die in die Decke der beliebten Studentenkneipe eingezeichnet waren. Der Krieg schien mir auch 1995 schon wieder sehr nah, als ich damals einen Freund zum Studium besuchte. Dass wir den Krieg verloren hatten, war wichtig für England. In den persönlichen Gesprächen im Graduate Room des Colleges erinnerte man mich auch daran, wer wir Deutschen für England sind.

Ich dachte damals: Was braucht es, damit wir endlich Freunde sein können? Die EU, das schien mir der beste Weg, um endlich mit diesen alten Feindbildern aufzuräumen. Pustekuchen.

So great. So sorry.

Marageth Rutherford alias Miss Marple, Harry Potter, Downton Abbey, Shakespeare, Guy Ritchie, der Doktor und das liebe Vieh, Monty Python und und und....

Sie hatten mir immer meine Zeit versüßt, wenn ich nicht auf diesen wunderschönen Inseln sein konnte. Das, was ich an England immer liebte, dies biertrinkenden und fußballverrückten Menschen, diese Romantik, diese Kultur, diese Widersprüche, diese wunderschöne Landschaft, die faszinierende Architektur. Und vor allem, diese wunderschönen Arten, Englisch zu sprechen.

Oh, und nicht zu vergessen die Musik meiner Jugend, sie kam eigentlich ausschließlich aus England. Sie war Lebenskultur und stilprägend für uns Jugendliche in Deutschland. Vor allem aber ist es der britische Humor, der es mir angetan hat. Diese Art sich selbst und das Leben betrachten zu können. Großartig. Alles England. Alles Liebe.

"Now we have the salad"

(deutschenglisches Sprichwort)

Identitätsverlust: Zukunft

Das ganze fühlt sich nach einem großen Identitätsverlust für Europa an. Wer sind wir denn in der EU, ein Europa ohne Großbritannien? Undenkbar.

Vom ökonomischen und gesellschaftlichen Kollateralschaden des Brexits möchte ich hier gar nicht sprechen, auch nicht von der Selbstüberschätzung der eigenen Wirtschaftskraft oder der Weltbedeutung. Darüber wurde viel und gut geschrieben – in namhaften europäischen Medien.

All die Museen und Denkmäler die eine glorreiche Vergangenheit preisen und das Empire stets und ständig lebendig halten in den Köpfen und Herzen der Menschen. Ich habe mich in den letzten 20 Jahren auch oft gefragt: Was macht das mit den Menschen, dieser besondere und schräge Blick auf die eigene Identität und die Identität der "Anderen", vor allem derer auf dem sogenannten "Continent".

Die britische Identität scheint auch heute immer noch sehr stark mit Themen wie Empire, East India Company (einst Herren über die Oberfläche der ganzen Welt) und einer daraus folgenden selbstverständlichen Selbstbestimmung verbunden zu sein. Aber es scheint auch ein Trauma des Machtverlustes aus dem Verlust des Empire zu geben, das abgearbeitet wird. Manchmal scheint es durch kontraproduktive kindliche Trotzmuster zu geschehen, wenn ich manchem Politiker derzeit ins Gesicht schaue. "Oh England", möchte ich rufen, "mach endlich Frieden mit Dir selbst und Blick in die Zukunft."

Meine Kinder können es Heute nicht verstehen. Sie sind jetzt so alt, wie ich damals bei meinem ersten Englandbesuch war. Und es wird vermutlich schwer den nächsten Generationen in England zu erklären, warum das eine gute Sache war mit dem Brexit.

"Bei den regierenden Klassen Englands kann man jede politische Reform durchsetzen, wenn sie so ausgeführt wird, daß alles beim alten bleibt."

George Bernard Shaw (1865-1950)

London im Herbst. Und eine neue EUffäre.

Mein geliebtes England. Es scheint gerade erstmal wieder wegzurücken und das macht mich traurig. Und so werde ich nun, wenn ich im Herbst wieder nach London fahre mit ein wenig gemischten Gefühlen dort sein. In der EU schien mir England so nah – endlich – eine Sehnsucht meiner Kindheit hatte sich erfüllt. Und jetzt platzt dieser Traum. Aber vielleicht ist es auch ein Neuanfang meiner Beziehung zu Großbritannien, das ich nach wie vor von ganzem Herzen liebe.

Da der Herbst die Jahreszeit ist, wo alles zu Ende geht, damit es neu beginnen kann, kommt mir ein Gedanke: Vielleicht wird eines Tages eine zukunftsorientierte britische Regierung einen Aufnahmeantrag in die EU stellen. Und dann ohne ständige Sonderrechte ein echtes vollwertiges Mitglied einer Gemeinschaft, die sich Europa nennt.

Vielleicht schafft es die EU bis dahin auch, selbst erwachsener zu werden und den europäischen Traum wahr werden zu lassen. Ich wünsche es uns allen. Und vor allem unseren Kindern.